GESSNER, K. Die Vermessung des Kosmos – Zur astronomischen Ausrichtung mittelalterlicher Stadtanlagen in Europa. Posterbeitrag zur Jahrestagung der Gesellschaft für Archäoastronomie e.V. 2018

 

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Abstract

Seit der Antike werden nicht nur sakrale Gebäude, wie Tempel oder Kirchen, sondern auch urbane Neugründungen astronomisch orientiert. Diese innere Beziehung zwischen Stadt und Kosmos, die mutmaßlich bis zu den Anfängen des Städtewesens in Mesopotamien zurückreicht, wird durch das Stadtgründungsritual konstituiert, bei dem die Ost-West-Achse der Stadt durch einen einfachen Vermessungsakt auf den Sonnenaufgangspunkt des Gründungstages ausgerichtet wird. Über gromatische Texte römischer Provenienz ins christliche Mittelalter nachweislich tradiert zeigt sich diese Art der Orientierung (wörtlich Ostung) einer mittelalterlichen Stadtanlage meist in der Ausrichtung des Osttors der Stadtbefestigung auf den urbanen Mittelpunkt, was anhand von drei Städten in Frankreich (Tournay), Italien (San Giovanni Valdarno) und Deutschland (Rothenburg ob der Tauber) exemplarisch nachvollzogen wird. Diese stadtspezifische Korrelation von Zeit und Raum, die darüber hinaus auch die Verbindung von städtischem Zentrum und Peripherie definiert, kann als einer der Grundpfeiler der räumlichen Ordnung im europäischen Städtewesen aufgefasst werden und zeigt deutlich den verbindlichen Zusammenhang von urbanem Raum und Astronomie im vormodernen Denken.