Literatur/Abbildungen aus:

GESSNER, K. 2015. Bausteine für das Himmlische Jerusalem: Glasfoliierte Steine aus dem Kyritzer Kloster St. Johannis und die Bauallegorese der Franziskanerarchitektur. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters (ZAM) 42 (2014), 203−216. Artikel als PDF lesen

 

Zusammenfassung

 

Im Kyritzer Franziskanerkloster St. Johannis kamen im Zuge archäologischer Ausgrabungen rund 150 Kiesel mit grüner und weißer Glasfoliierung zu Tage, die ursprünglich nicht sichtbar in den Wänden der mittelalterlichen Anlage verbaut gewesen waren. Eine mineralogisch-chemische Analyse ergab, dass die Zusammensetzung des transparenten Überzugs Ergebnis eines mit der mittelalterlichen Glasherstellung verwandten, hochtemperierten Verfahrens ist. Die Foliierung von Steinen mit farbigem Glas – in der mittelalterlichen Lithologie unter dem Begriff adulterium beschrieben – steht im Zusammenhang mit der besonderen Bedeutung bestimmter Materialien im neuplatonisch-christlichen Kontext, in dem Glanz und bestimmten Farben Verweiskraft auf die transzendente Sphäre zugeschrieben werden. Ebenso wie Gold und Edelstein gilt Glas als vom göttlichen lumen durchleuchtet, was die reiche Ausstattung der gotischen Architektur erklärt. Obwohl die strengen Vorschriften der Reformorden die Verwendung von Gold und Edelsteinen verbieten, gilt die schlichte Klosterkirche ebenso wie die reich geschmückte Kathedrale als ein Abbild des Neuen Jerusalems, das in den apokalyptischen Schriften als leuchtende Himmelsstadt beschrieben wird. Die nicht sichtbar in den Wänden verbauten, glasfoliierten Kiesel dienen so im Kontext der Bettelordensarchitektur der Materialisierung der eschatologischen Symbolik und werden im konkreten Sinn zu Bausteinen, aus denen das Kloster als Abbild des Himmlischen Jerusalems errichtet ist.

 


Abstract: Building stones for Heavenly Jerusalem. Foliated pebbles from the monastery St. John in Kyritz and the symbolism of Franciscan architecture


During archaeological excavations at the medieval Franciscan monastery St. John in Kyritz (Brandenburg) approximately 150 pebbles foliated with white and green coloured glass were found. Originally these glazed pebbles were invisibly embedded within the medieval walls. The mineralogical-chemical analysis confirmed that the composition of the vitreous glaze is closely related to high temperature processes of medieval glass technology. The foliation of stones with colourful glass – known in medieval lithology as adulterium – must be regarded in the context of Neoplatonic Christian philosophy. Illuminated by the divine lumen, gloss and certain colours act as references to the transcendental sphere. Therefore, materials such as gold, gems, and glass have been commonly employed by the sacral Gothic architecture. Although strict regulations of the reformed orders prohibit the use of gold and gems, both the simple and modest monastery churches as well as the richly furnished cathedrals are images of the New Jerusalem described as heaven’s bright city in the apocalyptical literature. Invisibly hidden in the monastery’s walls the glazed pebbles appear in a concrete sense as materialisation of eschatological symbolism in the architectural context of the mendicant order of Franciscans where they serve as stones for constructing the Heavenly Jerusalem on earth.