Der Pater und die Höhlen

Nach Großbritannien heimgekehrt, schrieb sie sich ab 1921 für Archäologie in Oxford ein, wo sie den Philosophen Robert Ranulph Marett kennen lernte. Dieser stellte die Verbindung mit dem rührigen französischen Pater Henri Edouard Breuil her. Abbé Breuil, wie der Prähistoriker kurz genannt wurde, hatte nicht nur die Grundlagen zur Chronologie der Altsteinzeit geschaffen, sondern sich mit großem Elan der Erforschung von prähistorischen Fels- und Höhlenmalereien verschrieben. Diesem Interesse ging er zudem nur „spärlich bekleidet mit Priesterkragen und Badehosen" nach, wie Dorothy Garrod amüsiert in einem Brief an ihre Cousine unterstrich. Die Begegnung mit Abbé Breuil sollte sich als sehr fruchtbar erweisen. Ab 1922 arbeitete sie mit ihrem Förderer am Institut de Paléontologie Humaine in Paris. Breuil, der als erster Prähistoriker die Höhlen von Lascaux erforscht hatte, vermittelte seine Schülerin auch auf Ausgrabungen, auf denen sie wertvolle praktische Erfahrungen sammeln konnte, wie beispielsweise in der berühmten französischen Höhle von La Quina, in der Überreste von Neandertalern zu Tage kamen.

Abel und der Teufelsturm

Auf Anregung ihres Mentors untersuchte sie in einer mehrjährigen Kampagne von 1925 bis 1927 das Felsdach Devil's Tower in Gibraltar – der Schnittstelle zwischen Afrika und Europa. Die Arbeiten wurden mit einer spektakulären Entdeckung belohnt: 1926 kam der Schädel eines 50 000 Jahre alten Nandertalerkindes zu Tage. Abel – dies war der Name, auf den Dorothy Garrod das Kind taufte, um die Nähe zwischen dem Homo sapiens und seinem ausgestorbenen Verwandten zu unterstreichen. Die Entdeckung Abels bedeutete einen Wendepunkt in der wissenschaftlichen Karriere Dorothy Garrods: Sie gewann weltweite Aufmerksamkeit, die sich in Preisen und Auszeichnungen äußerte, und wurde als britische Repräsentantin in eine Internationale Kommission gewählt, die sich mit einer der größten Affären der Archäologie befasste.

L'affaire Glozel

Glozel stand Pate für die Benennung eines skandalumwitterten Falls, der bis heute noch die Gemüter erregt. Weltweit bekannt wurde der kleine Flecken in der Nähe von Vichy, da hier angeblich über 3000 Artefakte, darunter steinzeitliche Ritzzeichnungen, Tontafeln mit Schriftzeichen, Statuen und Gefäße, gefunden worden sein sollen. Bis heute ist die Öffentlichkeit in zwei Lager gespalten: in ‚Glozelianer' – diejenigen, die die Funde für Relikte einer bis dato unbekannten Hochzivilisation halten - und ‚Anti-Glozelianer', diejenigen, die die Funde als Fälschung abtun. Der Bauer, Emile Fradin, auf dessen Grund die ‚Artefakte' gefunden wurden, verstand es, die weltweite Popularität in klingende Münze zu verwandeln und verkaufte kurzerhand kleine Parzellen seines Feldes an Interessierte zur Ausgrabung. Sogar der König von Rumänien erwarb sich seinen eigenen kleinen Grabungsschnitt.

glozel
'Schrifttafel' von Glozel (Robert Liris, 2002)

Die Echtheit der Funde wurde in der Folgezeit so heftig diskutiert, dass 1927 eine Kommission aus unabhängigen Archäologen eingesetzt wurde, die den Fundplatz untersuchen sollten – darunter Dorothy Garrod als jüngste Repräsentantin Großbritanniens. Auf Grundlage der dreitägigen Ausgrabungskampagne kam die Kommission zu dem Ergebnis, dass es sich bei allen Fundstücken von Glozel, abgesehen von einigen Feuersteinäxten, um plumpe Fälschungen handele. Unter der Hand verdächtigte die Mehrheit der Spezialisten den geschäftstüchtigen Eigentümer als Urheber.

Doch die in die Enge getriebenen ‚Glozelianer' schlugen zurück: Sie brachten das Gerücht in Umlauf, die Kommission selbst habe den untersuchten Bereich mit Fälschungen präpariert, um den Eigentümer in Misskredit zu bringen. Die Anschuldigungen richteten sich explizit gegen Dorothy Garrod. Nach der Entdeckung halbfertiger Fälschungen wurde der Fall zur Anzeige gebracht, ein Gericht sprach den Bauern Emile Fradin jedoch frei.