Krieg im Archiv

Ein Grund für die wachsende fachliche Anerkennung Buchheims ist sicherlich der ab Mitte der 1860er Jahre erkennbare wissenschaftliche Rückzug Friedrich Lischs, durch den sich ihr die Möglichkeit zu selbständiger Arbeit und damit ein größerer Entfaltungsspielraum eröffnete. Ausgelöst durch den deutsch-dänischen Krieg im Jahre 1864 entstanden unter einigen Altertumsforschern nationalistische Empfindlichkeiten. Lisch, der mit den dänischen Kollegen seit Jahren eng vertraut war, konnte die aufkommenden Anfeindungen nur schwer ertragen. Es kam zum Bruch mit einigen seiner deutschen Kollegen. Es entbrannte erneut ein – nun stark politisch motivierter – Streit um das Dreiperiodensystem, das von seinen Gegnern als dänischer Versuch gewertet wurde, die deutsche Archäologie zu „danifizieren".

Darüber hinaus brach ein Jahr danach im großherzoglichen Archiv ein Brand aus, vor dem Lisch unter Einsatz seines Lebens zwar die Originalurkunden retten konnte, doch bei dem sämtliche Archivunterlagen – die Resultate seiner jahrelangen Arbeit – vernichtet wurden. Der Archivar wurde zum Dank für die Rettung vom Großherzog zwar zum Geheimen Archivrat befördert, doch war Lisch über den erlittenen Verlust so verbittert, dass er sich von nun an immer weiter zurückzog.

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Zeitgenössische Darstellung des Schweriner Archivbrandes im Jahre 1865

Seit Ende der 1870er Jahre gewannen die Sammlungen zunehmend auch unter den Adligen an Popularität – Woche für Woche wuchs die Zahl der Besucher, die sich die altertümlichen Kuriositäten ansehen wollten. Dadurch gelangten sie in den Fokus des Großherzogs Franz Friedrich II., der schließlich beschloss, ein großes Museumsgebäude errichten zu lassen. Dieser Plan führte zu gravierenden Auseinandersetzungen unter den Vereinsmitgliedern, denn er sah vor, dass beide Sammlungen – die des Vereins und des Großherzogs – im neuen Museum vereint werden sollten. Lisch lehnte die Vereinigung rigoros ab, da er befürchtete, dass die Dreiperiodenordnung der Vereinssammlung dadurch Schaden nehmen könnte. Es kam zum offenen Bruch. Kurze Zeit später bat er um Entlassung aus dem Archivamt und gab seine Stellung als Vereinssekretär auf. Zwar stand Amalie Buchheim auf Lischs Seite, hatte in ihren Augen jedoch keine Wahl: Als Angestellte des Großherzogs war sie gezwungen, seinen Anweisungen Folge zu leisten. Zudem stand im Raum, dass niemand außer ihr in der Lage war, einen Umzug der Sammlungen fachgerecht durchzuführen, ohne dass diese – und somit die umkämpfte Ordnung – dabei zu Schaden kämen.

Im neuen Großherzoglichen Museum

Die inzwischen über 60-jährige Custodin führte die mehr als zwei Jahre währende Vereinigung der Sammlungen durch, erlitt in dieser Zeit aber wegen der großen Anstrengungen und wohl auch wegen ihrer tiefen Abneigung gegen dieses Unterfangen einen Schlaganfall, von dem sie sich nach längerer Bettlägerigkeit jedoch wieder erholen konnte. Kurz vor der offiziellen Eröffnung des Museums im Dezember 1882 stattete Friedrich Lisch gemeinsam mit Amalie Buchheim und seiner Tochter Caroline der neuen Ausstellung einen Besuch ab. Wenige Monate später starb er im Alter von 82 Jahren.

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Reiterstatue des Großherzogs Friedrich Franz II. (Postkartenmotiv)

Die Eröffnung des Museums und der Tod Lischs markierten auch das Ende der wissenschaftlichen Tätigkeiten Amalie Buchheims. Als Custodin des Museums ging sie zwar auch weiterhin ihren Verpflichtungen nach, zog sich aber – wie schon Lisch zwanzig Jahre zuvor – weitgehend von allen übrigen Aktivitäten zurück. Ähnlich wie Lisch seinerzeit erhielt auch Amalie Buchheim am Zenit ihrer „Karriere" die längst überfällige Anerkennung durch den Großherzog, der ihr 1882 die Medaille »Den Wissenschaften und Künsten« in Silber verlieh und gleichzeitig eine stattliche Gehaltserhöhung veranlasste. Damit war es der Custodin im Alter von nunmehr 63 Jahren erstmals möglich, ein zwar bescheidenes, aber endlich nicht mehr ärmliches Leben zu führen.