Lima und ein Forschungsauftrag für fünfzehn Dollar

Es gelang ihr, die Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Fortan lebte sie von Gelegenheitsarbeiten als Übersetzerin, Privatlehrerin für Deutsch und Englisch oder auch als Gymnastiklehrerin für Frauen. In dieser Zeit gewöhnte sie sich an, mit sehr wenigen Mitteln zurechtzukommen. 1937 brauchte Julio C. Tello, Begründer der peruanischen Archäologie, Unterstützung bei der Konservierung von Mumienfunden aus der Neokropole von Paracas, die im Museum für Archäologie und Anthropologie an der Universität Lima lagerten. Begeistert klebte Maria Reiche nun die Sitzflächen der bunt gemusterten Leichentücher.

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Paracas-Mumie in Zeremonialkleidung (nach H. Verrill, Mummy mining in Peru, Art and Archaeology 29, 1930)

In der folgenden Zeit bat Tello sie häufiger um die Übersetzung einiger archäologischer Fachartikel ins Spanische. Darunter war auch der Beitrag eines amerikanischen Professors für Wissenschaftsgeschichte namens Paul Kosok, der sich für präkolumbianische Bewässerungssysteme interessierte und zu deren Erkundung bereits Luftbilder benutzte. Diese Forschungen führten ihn schließlich nach Nasca in Peru, da er von einer Untersuchung des Amerikaners Alfred Kroeber und des peruanischen Archäologen Toribio Mejia Xesspe im Jahr 1926 gehört hatte.

Den beiden Forschern waren auf der Hochebene von Nasca schnurgerade, in den Boden gescharrte Linien aufgefallen, die sie als ausgetrocknete Bewässerungskanäle deuteten. Maria Reiche traf Paul Kosok persönlich 1941, kurz bevor sein Forschungsaufenthalt ablief. Da er überzeugt war, dass einigen Linien auch eine astronomische Bedeutung zukommen musste, beauftragte er Reiche, seine Beobachtungen und Messungen zu den Sonnenwendzeiten fortzusetzen. Dafür zahlte er ihr 15 Dollar im voraus.

Im Bann der Pampa

Im Dezember 1941 fuhr Maria Reiche zum ersten Mal mit dem Bus in die Kleinstadt am Rande der Pampa, die der Nasca-Ebene ihren Namen gab. Mit Kompass und Maßband ausgestattet, identifizierte sie sechszehn der von Kosok beschriebenen 'Sonnenwendlinien'. Bis zu zwölf Kilometer Länge wiesen derartige Linien auf, sie liefen quer über Berghänge und Unebenheiten. Die Erkundung erforderte lange Fußmärsche und karge Kost aus Nüssen und Obst. Anschließend kehrte sie nach Lima zurück und schickte Kosok ihre Aufzeichnungen. In den folgenden Jahren zog es sie immer wieder auf die Ebene zurück, sofern es die über Lima verhängte Ausgangssperre während des Zweiten Weltkriegs zuließ.

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Aufeinander zu laufende trapezförmige Bodenzeichnungen (M. Reiche, Geheimnis der Wüste, 1968, S. 29)

Einmal an der Straße abgesetzt, folgte sie einer überraschenderweise gewundenen Linie. Erst die Skizzierung der Umrisse und die Vermessung offenbarten, dass es sich um die riesigen Umrisse einer Spinne handelte, der ersten vollständig erkundeten Figurenzeichnung Nascas. Bald folgten weitere Tierfiguren. Maria Reiche mietete Lastwagen, borgte sich eine Leiter von der Elektrizitätsgesellschaft, um Fotos zu machen. Doch Kosok antwortete lange Zeit nicht. 1947 sagte ihr die Universität Lima 200 Dollar für einen eigenen Untersuchungsbericht zu. Ein Jahr später bewarb sich Reiche bei einer privaten US-Stiftung. Die peruanische Armee lieh ihr einen Vermesserschirm und einen Schweizer Theodoliten, mit dem sie präziser Winkel messen konnte.

Ein Landbesitzer eröffnete ihr die Möglichkeit, die Ebene erstmals mit einem Flugzeug zu überfliegen. An ihre Schwester schrieb sie, dass sie sich eins fühle »mit dem weiten Himmel, dem dunklen steinigen Boden, der weiten Ebene, auf der ein Mensch sich verliert wie ein kleiner unsichtbarer Punkt in der Ferne«. 1948 kam Kosok erneut nach Nasca, doch die Zeit war reif, ihre Ergebnisse endlich in einer eigenen Publikation vorzustellen. Die bebilderte Abhandlung »El secreto de la pampa«, die sie direkt zu einer Druckerei brachte und noch dort korrigierte, erschien im gleichen Jahr in kleiner Auflage auf spanisch, ein Jahr später auf englisch. Abnehmer war u.a. das peruanische Unterrichtsministerium: Maria Reiche war in Peru inzwischen eine bekannte Frau.

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Hundeähnliche Bodenzeichnung (M. Reiche, Geheimnis der Wüste, 1968, S. 38)