Die Dame, die die Wüste fegt

1950 schrieb Maria Reiche in einem Brief an ihre Mutter: »Ich bin nach zweijähriger Unterbrechung wieder einmal auf meiner Pampa gelandet. Diesmal habe ich keine Hotelkosten. Eine Baumwoll- und Apfelsinenfarm, Engländern gehörend, hat eine kleine Hütte nahe der wichtigsten Stellen. Ich bin einfach hingegangen und habe gefragt, ob ich dort wohnen könnte. Erst sagten sie, [das] ist kein Ort für eine Dame. Aber dann, nach langen Bitten, haben sie es erlaubt. Sie versorgen mich mit Apfelsinen, Gemüse, süßen Kartoffeln und Mais. Das ist auch ein Ersparnis. Aber ich muss mir ein Bett, vielmehr eine Strohmatraze kaufen. Das Feldbett habe ich von Freunden geliehen, das Petroleumlämpchen mußte ich kaufen. ... Das Wasser schöpft man aus dem Bewässerungskanal hinter dem Haus. Man muß es natürlich abkochen, und zum Baden geht man den Fluß...« Am Tisch in der Hütte, die für die nächsten 24 Jahre ihre Unterkunft vor Ort bleiben sollte, zeichnete sie Pläne, stellte Berechnungen an und vervollständigte ihre Notizen. 50 Dollar reichten für einen ganzen Monat.

reiche_geheimnis_53
Maßstäbliche Zeichnungen von figürlichen Scharrbildern (M. Reiche, Geheimnis der Wüste, 1968, S. 53)

Im März 1952 schrieb sie an ihre Schwester: »Zwei neue Figuren habe ich gefunden. Einen Pelikan von 138 Metern Länge. Ich habe jetzt auch herausgefunden, wie man sie am besten säubert. Mit einem Besen! Ich benutze ihn nur, um die kleinen leichten Kiesel beiseite zu fegen, die der Wind auf die Wege der Figuren geweht hat. Ich bin zu dem Schluss gekommen, daß auch die alten Peruaner ihre Figuren mit Besen gemacht haben, die einzige Möglichkeit! ... Die alten Figuren habe ich auch gesäubert für die nächsten Luftaufnahmen - Kilometer um Kilometer habe ich gefegt, bis ich fast verrückt wurde.«

Zur gleichen Zeit zeichnete sie an einer Figur, an deren Linien sie oft vorbeigegangen war, ohne sie zu bemerken. Die Form eröffnete sich ihr erst nach Vollendung der Zeichnung: Über 80 Meter maß der Affe mit eingerolltem Schwanz. Ihre Schwester Renate organisierte in Deutschland über einen ihrer Patienten, den Direktor des Zeiss-Ikon-Werkes, die Stiftung einer modernen Contax-Kamera. Im Gegenzug veröffentlichte Reiche 1954 einen Beitrag in der firmeneigenen Zeitschrift mit spektakulären Luftaufnahmen. Dafür hatte sie sich waghalsig an den Kufen eines Helikopters festbinden lassen, um außerhalb der Kanzel bessere Aufnahmen mit einer Luftbildkamera machen zu können.

m-reiche_foto_renate_reiche_1961
Maria Reiche auf der Nasca-Ebene (Fotografie: Renate Reiche, 1961)

Das Geheimnis der Nasca-Linien

Rund 50 Figuren und mehr als 1000 Linien hat Maria Reiche vermessen und skizziert, maßstäbliche Zeichnungen angefertigt, Proportionen, Häufigkeiten und Bezüge analysiert. Sie war davon überzeugt, in den Linien astronomische Zahlen und Maße und eine Form der Aufzeichnung von Zeiteinheiten, wie etwa Kalendarien, zu erkennen, während sie in den figürlichen Darstellungen Sternbilder vermutete. Reiche zeigte sich offen für Mythen, Sagen und medizinische Kenntnisse der einheimischen Bevölkerung, die auch ihr wissenschaftliches Denken inspirierten. Ihrer Meinung nach handelte es sich jedoch bei ihrer Arbeit um ein ganz neues Forschungsgebiet, einer exakten Wissenschaft von Mathematik und Vermessung, deren Etablierung neben der Archäologie sie als ihre ureigene Mission ansah.

Ausgehend von dem sich dem Betrachter darbietenden Abstraktionsvermögen der Urheber der Geoglyphen vermutete Reiche eine innewohnende tiefere Bedeutung, die eben eine solche abstrakte bzw. verschlüsselte Botschaft enthielt: »Das Geheimnis der Bodenzeichnungen kann nur gelöst werden durch ein ganz konkretes und mathematisch genaues Zahlen- und Formenstudium