Rathgen machte aus seiner Absicht keinen Hehl, den Aufenthalt in der Burg so kurz wie möglich zu halten. In einem Beschwerdebrief nach Berlin heißt es:

»Endlich entbehrt auch die Herzogin hier in dem einsamen Wagensberg wohl die Geselligkeit und hält jeden, der einmal hier ist, gern längere Zeit fest.«

Als Rathgen die Gastgeberin von der geplanten Abreise informierte, rettete sich die gekränkte Herzogin in die Gegenoffensive. In einem Brief teilte sie förmlich mit, dass sie unter diesen Bedingungen keinen einzigen Fund nach Berlin verkaufen werde. Zudem verweigerte sie eine Entschädigung der beträchtlichen Reisekosten. Stattdessen lockte sie mit einem Gegenangebot: Falls Götze höchstpersönlich anreiste, würde sie ihm in Stična einen eigenen Grabhügel mitsamt Inventar überlassen. Götze, der fürchten musste, dass Berlin leer ausgehe, willigte notgedrungen ein. Das Projekt sollte jedoch unter strengster Geheimhaltung vonstatten gehen. Österreich duldete die Ausfuhr von Antiquitäten nur mit Erlaubnis, und die Chance erschien gering, dass das Kultusministerium seinem ärgsten Sammlerrivalen einen Export der wertvollen Funde gestatten würde. So war das weitere Vorgehen von geradezu konspirativer Geheimhaltung geprägt. In Briefen, die nur noch mit Vornamen unterschrieben wurden, bezogen sich die Beteiligten nur noch indirekt auf das Unternehmen. Der Schmuggel blieb tatsächlich unentdeckt und wurde erst 70 Jahre später publik.

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Der Brustpanzer von Stična, ausgegraben 1913 von der Herzogin von Mecklenburg, nach der Restaurierung in Berlin durch Carl Tietz (Staatliche Museen zu Berlin, 1922).

Um der Gesellschaft der Herzogin zu entgehen, mietete sich Götze in dem Dörfchen Stična ein. Zu seiner Überraschung scheute die Herzogin die beschwerliche Anreise nicht und machte ihm täglich – oft begleitet von ihrer Tochter Marie Antoinette – ihre Aufwartung. In direkter Nachbarschaft widmete sie sich der Ausgrabung eines Grabhügels, indem sie sorgsam die Ausgrabungstechnik des Fachmanns imitierte. Ihre Methode hatte Erfolg: Oscar Montelius, einer derführenden Archäologen ihrer Zeit, schrieb nach einem Besuch in Stična:

»Ihre Ausgrabungen sind nicht nur viel besser gemacht als die meisten aus jenen Gegenden, sondern sie sind auf wirklich wissenschaftliche und methodische Weise geleitet.«

Geldnöte

Bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs grub die Herzogin rund 1000 Gräber aus, so dass ihre private Sammlung mehr als 20 000 Fundstücke umfasste. Die finanziellen Aufwendungen waren enorm. Während sie die Kampagnen in den ersten beiden Jahre noch aus eigenen Mitteln bestreiten konnte, führte sie die Suche nach neuen Mäzenen wieder nach Berlin, diesmal in den engsten Verwandtenkreis. Sie schickte ihren Sekretär mit ihrem erlesensten Fundstück zum deutschen Kaiser, einem bronzenen Brustpanzer im griechischen Stil. Der Kaiser reagierte mit Enthusiasmus und einem fürstlichem Gegengeschenk. Er sandte 100 000 Mark zurück, jedoch mit der eindringlichen Warnung versehen, dieses großzügige Geschenk ausschließlich für die Feldforschung zu verwenden.

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Der Tumulus V von Stična während der Ausgrabungsarbeiten 1913 (Peabody Museum, Harvard University)

Dies ließ sich die Herzogin nicht zweimal sagen: Im Jahr 1913 stellte sie nicht nur mehrere hochbezahlte Künstler und Fotografen für die Funddokumentation vor Ort ein, sondern auch ein ganzes Dorf, um ihre Grabungen in Stična fortzuführen. Sie selbst verbrachte in diesem Jahr neun Monate im Feld.

Der Ausbruch des 1. Weltkriegs unterbrach schließlich die Ausgrabungen, nach dem Krieg wurde ihre Sammlung in die des Nationalmuseums in Ljubljana inkorporiert. Die Herzogin, die nie wieder eine Hacke in die Hand nehmen sollte, starb am 29. April 1929 in dem Schloss ihrer Kindheit im mecklenburgischen Ludwigslust.

Kerstin Geßner (2015)


Literatur

Anonymos 1881
Anonymos: Herzog Paul von Mecklenburg-Schwerin und seine Gemahlin, Prinzessin Marie von Windischgrätz. In: Illustrierte Zeitung Leipzig vom 11.Juni 1881, Bd. 76, Nr. 1980, 484–485.

Löhlein 2009
W. Löhlein: Wilhelm II. und die Archäologie. Broschüre zu einer Ausstellung im Archäologischen Museum Frankfurt/Main vom 6. Juni bis 6. September 2009.

Maier 2002
V. Maier: Die Herzogin von Mecklenburg-Schwerin (1856–1929). In: J. Koch/ E.-M. Mertens: Eine Dame zwischen 500 Herren. Johanna Mestorf – Werk und Wirkung. 2002.

Nemeček 2013
N. Nemeček: Friedrich Rathgen and his impact on Slovenian Conservation in the beginning of the twentieth century. CeROArt [En ligne], 2013, URL : http://ceroart.revues.org/3686

Reinach 1931
S. Reinach: En souvenir de Marie de Mecklenbourg-Schwerin. In: Revue archéologique 1931, 320.

Polizotti Greis 1984
G. Polizotti Greis: A noble pursuit. The Duchess of Mecklenburg, Collection from Iron Age Slovenia. 1984.

Weiss 1999
R.-M. Weiss: Des Kaisers alte Funde. Die Sammlung hallstattzeitlicher Funde aus Krain, Slowenien. In: W. Menghin (Hg.): Hallstattzeit. Die Altertümer im Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin. 1999, 48–73.