Der neue Lehrstuhl war 1892 aus Mitteln der verstorbenen englischen Reiseschriftstellerin Amelia B. Edwards eingerichtet worden, die zuvor bereits als Gründerin des Egypt Exploration Fund (EEF) einen jungen Archäologen durch die Erteilung großzügiger Forschungsgelder gefördert hatte. Es handelte sich um Flinders Petrie, den Amelia Edwards auch als Wunschkandidaten für den ersten Lehrstuhl für Ägyptologie auserkor. Dafür stellte Edwards in ihrem Testament entscheidende Weichen. Zwar wurde Petrie an keiner Stelle namentlich genannt, seine Mäzenin verfügte jedoch, dass die Gelder nur dann an den Lehrstuhl ausbezahlt werden sollten, falls der Inhaber nicht älter als 40 Jahre alt sei und darüber hinaus nicht aus den Reihen des British Museums stamme. Neununddreißigjährig und ohne feste Anstellung erfüllte Flinders Petrie diese Bedingungen mühelos und wurde so zum ersten Professor der Ägyptologie, obgleich er weder über eine vollständige Schulausbildung noch über ein Studium verfügte.



MM Erman Grammatik Seite 84

Auszug aus der "Aegyptischen Grammatik" des deutschen Ägyptologen Adolf Erman, 1894

Während sich Flinders Petrie seinen Ausgrabungen in Ägypten widmete, übernahm Francis Griffith, ein ehemaliger Schüler Petries, den Sprachunterricht in London. Obgleich Griffith ein brillanter Linguist war, konnten die Studenten des Hieroglyphenkurses seinen komplizierten grammatikalischen Ausführungen nicht immer folgen. Allein die polyglotte Margaret Alice Murray besaß den entscheidenden Vorteil, die deutsche Sprache zu beherrschen, weshalb sie als einzige in der Klasse das soeben erschienene Standardwerk des deutschen Ägyptologen Adolf Erman lesen konnte. Bald wurde der größte Teil des Sprachunterrichts an die Studentin delegiert, die über die nächsten 40 Jahre mehrere Generationen an Ägyptologen ausbilden sollte.



MM Min nach Petrie Koptos 1896 IX

Relief des ithyphallischen Gottes Min aus dem Tempel von Koptos (fotografische Reproduktion für William M. Flinders Petrie, Koptos, London: Quaritch, 1896, T. 1)

Doch Margaret Alice Murray war nicht nur sprachbegabt, sondern auch ein Zeichentalent. Ihr sicherer Strich beförderte sie schnell zur Chefillustratorin von Flinders Petrie, unter dessen Anleitung sie unter anderem Abschriften der jüngst entdeckten Reliefs aus dem Min-Tempel von Koptos erstellte. Eines der Hauptreliefs, das den ithyphallischen Gott an der Seite des Pharaos Sesostris zeigte, kollidierte jedoch mit dem herrschenden Zeitgeist des spätviktorianischen Englands. Mit Rücksicht auf den Ruf seiner unverheirateten Zeichnerinnen entschied sich Petrie deshalb für eine für damalige Verhältnisse recht kostspielige photographische Reproduktion, auf der man – um jede Anstößigkeit zu vermeiden – den als pikant empfundenen Ausschnitt mit einem Schild abgedeckte.