Abydos


1902 begleitete Margaret Murray Flinders Petrie und seine Frau Hilda nach Ägypten, um den Haupttempel von Abydos zu untersuchen. Das Interesse an den verborgenen Geheimnissen der von Sethos I. (um 1323 v. Chr.–1279 v. Chr.) errichteten Tempelanlage wurde beflügelt durch den großen Zuspruch, welchen die ägyptischen Mysterienkulte bereits seit dem 18. Jahrhundert erfuhren. So richtete sich das Augenmerk auf die unterirdische Halle, in deren Hauptachse das Osireion liegt – ein Kenotaph in Gestalt eines Osirisgrabes. Die Reliefs der Pfeilerhalle zeigen neben Szenen aus dem Totenbuch und dem Pfortenbuch auffallend viele kosmographische Bezüge, darunter Sternentafeln.

 

Murrays Aufgabe bestand darin, die Hieroglyphentexte zu entziffern und zu übertragen, da kein anderes Teammitglied das Mittelägyptische beherrschte. Außerdem sollte sie die Arbeiter auf der Ausgrabung anleiten und beaufsichtigen. Die Ägypter weigerten sich jedoch, auf die Befehle der nur 1,25 m großen Frau zu hören, denn sie hielten sie für ein Kind. Entrüstet schickte Murray die Männer deshalb ins Camp zurück und ließ sie wissen, dass sie nun einen ganzen Tageslohn verloren hätten. Von diesem Tag an gab es keine Schwierigkeiten mehr mit den Arbeitern, doch es sollte ihr letzter Aufenthalt in Ägypten bleiben.



MM Petrie Amy Urlin Abydos camp

Flinders Petrie und seine Schwägerin Amy Urlin im Camp von Abydos (Egypt Exploration Society)

Unrolling of a Mummy

 

Die Öffnung eines Sarkophags war seit dem 18. Jahrhundert Volkssport in Europa und Amerika, der zuverlässig Scharen von Schaulustigen anzog. Aus diesem Grund wurden in Ägypten, insbesondere in Theben-West, zahlreiche Gräber geplündert, um genügend Nachschub für die öffentlichen Spektakel zu requirieren. Nicht nur Schatzgräber beteiligten sich an dem unwürdigen Schauspiel, sondern auch akademische Kreise – mit dem einzigen Unterschied, dass das Mumienentrollen von einem Vortrag begleitet wurde.



MM Unrolling of a mummy 1864

Einladung zur Mumienentrollung in New York, 1864

 

Bei den von Flinders Petrie zu Verfügung gestellten Mumien handelte es sich um die Inhaber des sogenannten Tomb of the two brothers, einer Grablege aus dem Mittleren Reich, die von Petrie in Oberägypten bei Deir Rifeh ausgegraben worden war. Vor einem fünfhundertköpfigen Publikum überwachte Margaret Murray am 6. Mai 1908 die Öffnung der beiden Sarkophage. Während die Mumien selbst samt Beigaben im Museum verblieben, wurden die Mumienbandagen in Stücke geschnitten und an Interessenten als Erinnerungsstücke verkauft.

 

MM Murray mummy

Margaret Murray (zweite von links) nach der Sarkophagöffnung (Foto: Museum Manchester)