Kein Geld für die Doktorrobe

 

Doch die öffentlichen Auftritte waren eher selten, denn Margaret Alice Murray widmete sich intensiv ihrer Lehrtätigkeit am UCL. Zeitgleich verfasste sie ein neues Lehrbuch zur ägyptischen Grammatik, meistens am Krankenbett ihrer bettlägerigen Mutter, die sie nach dem Tod des Vaters pflegte. Da die meisten ihrer Studenten an dem deutschen Standardwerk verzweifelten, legte sie eine leicht verständliche englische Version vor. Wie eine Widmung von Raymond Faulkner illustriert, zeigten sich ihre Schüler darüber dankbar: „To Margaret Murray who first taught me ancient egyptian in gratitude and affection“.

 

Zwar war sie ein wichtiger Pfeiler im Gefüge des Lehrstuhls, denn neben Sprachkursen hielt sie auch Vorlesungen über ägyptische Geschichte, Religion, Kunst und Handwerk, dennoch erfolgten die Beförderungen nur zaghaft. Nach Jahren als lecturer wurde Margaret Alice Murray 1924 endlich zur Assistenz-Professorin für Ägyptologie berufen – ein Posten, den sie bis zu ihrem Ruhestand innehatte, den sie immerhin erst im Alter von 72 Jahren antrat. Dass Margaret Murray nach fast vierzig Jahren Lehrtätigkeit nicht einmal die finanziellen Mittel besaß, sich eine Doktorrobe für die Verleihung der Ehrendoktorwürde zu kaufen, ist ein anschauliches Beispiel für die unzureichende Entlohnung von Frauen im akademischen Betrieb. Damit sie für diesen besonderen Tag überhaupt in angemessener Kleidung auftreten konnte, mussten ihre Studenten zusammenlegen.

 

Frauenrechtlerin

 

Murray war kein Einzelfall. Anfang des 20. Jahrhunderts waren Frauenrechte, zu denen nicht nur das Wahlrecht, sondern auch eine gerechte Entlohnung gehörte, weder im Vereinigten Königreich noch im übrigen Europa eine Selbstverständlichkeit. Um diese unbefriedigende Situation zu verändern, unterstützte Margaret Murray leidenschaftlich die international operierende Frauenbewegung, indem sie bereits 1907 Mitglied der Organisation Women’s Social and Political Union wurde. Die von Emmeline Pankhurst geführte Sufragettenbewegung war berüchtigt, denn ihr wurden zahlreiche Delikte zur Last gelegt. Dazu gehörten die Zerstörung mehrerer Tausend Briefkästen, das Werfen einer toten Katze, ein Anschlag mit einem Pfefferstreuer auf den Premierminister, die wiederholte Störung von Gottesdiensten mit Rufen, wie „God save Mrs Pankhurst“, bis hin zu Brand- und Bombenanschlägen.

 

MM Emmeline Pankhurst

Die Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst bei einer ihrer Verhaftungen im Jahr 1914 vor dem Buckingham Palace (The Daily Mirror)

 

Hexenforscherin

 

Rührte bereits die Suffragettenbewegung am Althergebrachten, so brach Margaret Murrays Forschung zum Europäischen Hexenwesen vollends ein Tabu. 1921 veröffentlichte Murray ihr umstrittenes Buch The witch-cult in Western Europe – heute ein Klassiker der Wicca-Bewegung. Inspiriert durch einen Aufenthalt in Glastonbury, der legendären Grabstätte von König Artus und seiner Gemahlin Guinevere, beschäftigte sich die von Geheimkulten faszinierte Forscherin mit dem Sagenkreis um den Heiligen Gral. In einer Miszelle, die sie in der von Petrie herausgegebenen Zeitschrift Ancient Egypt publizierte, stellte sie einen Zusammenhang zwischen der Artussage und der ägyptischen Mythologie her, was ihr in Fachkreisen jedoch wenig Zustimmung einbrachte. Ähnlich ablehnend reagierte die Zunft auf ihre Überzeugung von einer ideengeschichtlichen Kontinuität hinsichtlich der Verehrung eines gehörnten Gottes, deren Ursprünge bereits im Neolithikum zu suchen seien.

 

Auf der Grundlage eines breiten Quellenstudiums entwickelte sie die These von der Existenz eines geheim organisierten Hexenkults, den sie als Relikt einer antiken Religion – sie sprach vom Kult der Diana – interpretierte, die zwar vom Christentum überprägt worden sein, jedoch in England bis in das 18. Jahrhundert überdauert haben soll. Ihre Arbeit, die 1921 erschien, fand beim Publikum so große Aufnahme, dass sie gebeten wurde, für die Encyclopedia Britannica einen entsprechenden Artikel über Hexen zu verfassen. In dem 1933 veröffentlichten Buch The God of the Witches erschien die Beschreibung orgiastischer Riten teilweise so detailliert, dass man nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen, sondern auch öffentlich daran Anstoß nahm.

 

Witch Cult Europe

Margaret Murrays "The Witch-Cult in Western Europe - A Study in Anthropology", zuerst 1921 erschienen

 

Murrays Arbeiten zur Hexenforschung waren nicht nur von dem Anthropologen James Frazer beeinflusst, der als Begründer der Religionsethnologie Anfang des 20. Jahrhunderts das Monumentalwerk The Golden Bough (Der goldene Zweig) verfasst hatte, das einen religionsgeschichtlichen Bogen von der Antike bis zur Gegenwart schlug. Auch die Arbeiten des Ethnologen Charles Gabriel Seligman, der mehrere Expeditionen nach Neuguinea, Ceylon und in den Sudan unternommen hatte, prägten ihr Werk. In gewisser Hinsicht trafen Margaret Murrays Arbeiten genau den Zeitgeist, denn der Spiritismus erlebte in den 1920er Jahren, vor allem in gehobenen Kreisen, eine Renaissance: Man hielt Séancen ab, folgte fernöstlichen Gurus und informierte sich mit schaurig-schönem Gruseln über die Skandale eines Aleister Crowley.

 

1954 – Margaret Murray hatte ihr 90. Lebensjahr bereits überschritten – erschien ihr wohl umstrittenstes Buch The Divine King in England, in dem sie die These vom gottähnlichen Charakter des englischen Königtums ausbreitete, in dessen Zusammenhang auch Ritualmorde und Menschenopfer zelebriert worden sein sollen. Damit erklärte sie den gewaltsamen Tod englischer Könige wie William II., genannt Rufus, und der religiösen Führerin Jeanne d’Arc. Die in Fachkreisen scharf formulierte Kritik focht sie nicht an; Margaret Murray verteidigte ihre Thesen unbeirrt bis ins hohe Alter. In einem Gratulationsschreiben anlässlich ihres 100. Geburtstages charakterisierte der Ägyptologe Gerald Wainwright die Jubilarin deshalb auch mit folgenden Worten: „Ihre Stärke lag darin, nicht fraglos zu akzeptieren, was andere gesagt haben, sondern sich selbst ein Bild zu machen, wie sich die Sachlage verhält. So lenkte sie die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf wenig beachtete Details und schockierte so manchen, der sich einen behaglichen Kokon aus bedingungsloser Orthodoxie zugelegt hatte.


Kerstin Geßner (2017)


Literatur



Margaret A. Murray: Elementary Egyptian Grammar. London, 1908.

 

Margaret A. Murray: The Tomb of Two Brothers. Manchester, 1910.

 

Margaret A. Murray: The Witch-Cult in Western Europe, London, 1921.

 

Margaret A. Murray: The God of the Witches. London, 1931.

 

Margaret A. Murray: The Splendour that was Egypt: a General Survey of Egyptian Culture and Civilisation. London, 1950.

 

Margaret A. Murray: The Divine King in England: a Study in Anthropology. London, 1954.

 

Margaret A. Murray: My First 100 Years. London, 1963.

 

Kathleen L. Sheppard: The Life of Margaret Alice Murray. Lanham, 2013.