Hütten in Hemamieh

Anschließend fuhr Gertrude Caton-Thompson in das wenige Kilometer nördlich gelegene Badari, wo Guy und Winifred Brunton archäologische Untersuchungen vornahmen. Badari sollte bald Namenspatin für die erste entdeckte neolithische Kultur Ägyptens werden: In Gräbern mit eng gehockten Bestattungen war eine neuartige rotpolierte-schwarzrandige Keramik aufgefunden worden. Die Beigaben beinhalteten außerdem die frühesten Kupferfunde Ägyptens. Doch wo und wie hatten diese Menschen einst gelebt? Auf diese Frage schien es damals keine Antwort zu geben, denn es fehlte schlichtweg an Architektur, welche die Zeiten überdauert hatte.

grab_in_qau
Als Unterkunft eingerichtete Grabkammer in Qau al-Kebir (Archiv des Egypt Exploration Fund)

Caton-Thompson machte sich auf die Suche in der Umgebung. Mit Erfolg: An einem Platz namens Hammamiya (Hemamieh) fand 1924 ein Arbeiter Tonscherben der Badari-Keramik. Gertrude Caton-Thompson vermaß und skizzierte die Fundstelle, registrierte die Position und Tiefe jedes Fundes. Dann zogen Arbeiter ausgesteckte Felder mit der Hacke jeweils um 6 Inch ab. Das Ergebnis war sensationell: die Entdeckung sechs kleiner runder Hüttengrundrisse, von denen einige eine Herdstelle aufwiesen. Die Erde wurde gesiebt, um auch kleinste Artefakte und Getreidekörner zu finden. Caton-Thompson übertrug dabei exakt die Akribie und Geduld, die Petrie auf die Ausgrabung von Grabanlagen verwandt hatte. Später verglich der Ägyptologe Wainwright ihre Arbeit in Hemamieh sogar mit der Entdeckung des Grabes des Tutenchamun durch Howard Carter. Denn ihr gelang nicht nur die Freilegung der ersten prähistorischen Siedlungsstelle Ägyptens, sie setzte hohe Maßstäbe für Untersuchungstechniken, die bis heute als Standard gelten.

Im Fayum

Die auffällig retuschierten Steingeräte des Badarian, wie dieser archäologische Komplex fortan genannt wurde, zeigten große Ähnlichkeiten zu Stücken, die in Kairoer Souvenirläden verkauft wurden. Nachforschungen ergaben, dass diese offensichtlich aus dem Fayum stammten. Fossiliensammler berichteten schon seit längerem von spektakulären Funden aus dem Fayum-Becken, darunter von Urahnen von Elefanten und Nashörnern, Riesenschlangen und verschiedenen Wassertieren. Finanziert durch die British School of Archaeology in Egypt kaufte Gertrude Caton-Thompson im November 1924 inmitten schwerer politischer Unruhen ein gebrauchtes Auto in Kairo. Zwei Monate lang durchstreifte sie das Fayum-Becken und identifizierte über die Position verschiedener Artefakte eine chronologische Abfolge mehrerer prähistorischer Besiedlungsphasen.

fayum_plate_10
Eine neolithische Steingerätekollektion aus dem Fayum (aus G. Caton-Thompson & E. Gardner, The Desert Fayum. London 1932)