Eine Tischuhr für ein Lebenswerk

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Der Höhepunkt der zwei Tage andauernden Feierlichkeiten anlässlich des 50-jährigen Bestehens des »Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde« fand am 24. April 1885 in Stern´s Hôtel in Schwerin statt: Unter der höchstpersönlichen Anwesenheit des späteren Großherzogs Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin waren mehr als achtzig Vereinsmitglieder zu einem opulenten Festmahl geladen. Wortreich lobte man sich und die Verdienste des Vereins mit seiner weithin berühmten Sammlung von Altertümern.


In seinem mehr als 30 Seiten umfassenden Bericht hält der Archivar Franz Schildt nahezu jedes Detail fest, und wie beiläufig erwähnt er im letzten Satz, dass „der Custodin Frl. Buchheim, welche seit der Stiftung des Vereins für unsre Sammlungen Sorge trug, zur Auszeichnung für ihre Verdienste eine Tafeluhr aus cuivre poli... überreicht wurde". Nur ein kleines Detail überschattete die Laudatio der verdienstvollen Custodin: Die Geehrte war nämlich nicht zu den Feierlichkeiten eingeladen worden. Die Liste der Festteilnehmer enthielt ausschließlich männliche Namen.

Zwischen Urnen und Münzen

Als Georg Christian Friedrich Lisch 1835 den »Verein für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde« ins Leben rief, war Amalie Buchheim gerade 16 Jahre alt. Ihr Vater, der Hofküster Wilhelm Buchheim, übernahm bald die Aufsicht über die rasch anwachsende Vereinssammlung, die Bücher, historische Dokumente, Malereien, Münzen und vor allem archäologische Funde beherbergte. Da Buchheim aber bereits sehr krank war, ging seine jüngste Tochter Amalie ihm von Anfang an bei den Arbeiten zur Hand. Neben der Vereinssammlung betreuten sie auch die Altertümer des Großherzogs Friedrich Franz I., der eine Leidenschaft für das Sammeln von Antiquitäten hegte.

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Hünengrab von Katelbogen bei Bützow (aus G.C.F. Lisch, Friderico-Francisceum oder grossherzogliche Alterthümer-Sammlung aus der altgermanischen und slavischen Zeit Meklenburgs zu Ludwigslust, Leipzig, Breitkopf & Härtel, 1837)

Schon 1834 hatte der Archivar Lisch – zeitgleich mit Christian Jürgensen Thomsen in Kopenhagen und Johann Friedrich Danneil in Salzwedel – entdeckt, dass sich die altertümlichen Gräber in drei Klassen einteilen lassen, die durch Stein-, Bronze- und Eisenfunde gekennzeichnet sind. Zugleich mit der Vereinsgründung legte er fest, dass deren Sammlung nach dem neu entdeckten System organisiert werden sollte. Dieses System, das heute als Grundlage der archäologischen Ordnung gilt, wurde damals als sensationelle Neuerung betrachtet und nicht selten auch angefeindet, weshalb die Vereinssammlung schon früh zu einiger Berühmtheit gelangte. Die Kollektion des Großherzogs hingegen blieb – wie seinerzeit allgemein üblich – nach der Art eines Raritätenkabinetts sortiert.

1841 starb der Hofküster nach Jahren der Krankheit. Da auch die Mutter kränklich war, übernahm Amalie Buchheim im Alter von 21 Jahren allein die Verwaltung der beiden Sammlungen. Trotz mehrfacher Bittschreiben erhielt sie für ihre Arbeit jedoch keine Bezahlung, so dass die Familie – Amalie, ihre Mutter Catharine und ihr jüngerer Bruder Carl – auf das Einkommen angewiesen war, das Amalie mit abendlichen Näharbeiten verdiente.