Die die Wüste fegt

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Als Maria Reiche am 6. Juni 1998 im Alter von 95 Jahren im peruanischen Lima verstarb, nahm eine ganze Nation aufrichtig Anteil am Tod der deutschen Altamerikanistin. Zu Lebzeiten mit dem Offiziersrang der peruanischen Luftwaffe, mehrfachen Ehrendoktorwürden und der peruanischen Staatsbürgerschaft geehrt, erhielt sie posthum den Status einer Ministerin und folglich ein standesgemäßes Staatsbegräbnis. In Peru ist Maria Reiche ist so etwas wie eine Nationalheldin.


Dresden

Maria Reiche, geboren als Viktoria Maria Reiche-Große am 15. Mai 1903 in Dresden, wuchs als ältestes von drei Kindern auf. In der Bibliothek ihres Vaters, eines Amtsgerichtsrats, verbrachte sie als Kind viel Zeit mit dem Lesen von Reisebeschreibungen. Die Mutter hatte als eine von wenigen Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Studium der Theologie und der englischen Literatur absolviert, das sie nach Hamburg und in das schottische Edinburgh geführt hatte. 1916 fiel der Vater in einer Schlacht des Ersten Weltkrieges. Die Familie litt stark unter dem Verlust, Maria reagierte mit Verhaltensauffälligkeiten. Später schrieb sie, dass Einsamkeit und eine unerkannt gebliebene Kurzsichtigkeit sie zu einem introvertierten Menschen werden ließen.

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Discover Machu Picchu (Postkartenmotiv)

Die Mutter setzte alles daran, den drei Kindern ein Studium zu ermöglichen. Nach dem Besuch der »Städtischen Studienanstalt für Mädchen« in Dresden studierte Maria Reiche an der Technischen Universität Dresden Mathematik, Physik, Geographie, Philosophie und Pädagogik. Marias jüngere Schwester Renate (geb. 1906), mit der sie zeitlebens durch einen Briefwechsel verbunden blieb und die in ihren letzten Lebensjahren ebenfalls nach Peru übersiedelte, wurde nach einem Medizinstudium Ärztin. Nach einer befristeten Tätigkeit als Aushilfslehrerin fühlte sich Maria Reiche im Deutschland der Weimarer Republik jedoch beengt, der Tod ihres Vaters hatte sie zur Pazifistin werden lassen: Gezielt begann sie, Zeitungen und Journale nach Stellenanzeigen im Ausland zu durchsuchen.

Der Ruf Cuzcos

Im Sommer des Jahres 1931 bewarb sich Maria Reiche kurzentschlossen auf eine Stelle als Hauslehrerin im Hause des deutschen Konsuls in Cuzco in Peru. Cuzco − auf Quechua »Nabel der Welt« − war nicht irgendeine peruanische Stadt, sondern die in den Bergen gelegene ehemalige Inkahauptstadt. Zahlreiche Ruinen, zyklopische Steinmauern und spanische Kolonialbauten, die teils auf inkazeitlichen Fundamenten standen, zeugten von der Blüte der Stadt im 13. Jahrhundert. Zwanzig Jahre zuvor war die nur 75 Kilometer entfernte Ruinenstadt Machu Picchu entdeckt worden. Cuzco verhieß Faszination und Exotik, nicht zuletzt stand Südamerika auf der Liste der deutschen Auswanderer ganz oben.

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Cuzco in den 1930er Jahren (Fotografie: Martín Chambi)

Während Maria Reiche tagsüber die Kinder des Konsuls unterrichtete, unternahm sie in ihrer Freizeit Wanderungen in die Berge, den Urwald und zu heißen Quellen. In Machu Picchu interessierte sie sich besonders für das Sonnenobservatorium. Der »Intihuatana« − in der Quechua-Sprache »der Ort, an dem man die Sonne fesselt« − war eine steinerne Konstruktion an der höchsten Stelle der Stadt und hatte bereits die Aufmerksamkeit des deutschen Astronomen Rolf Müller auf sich gezogen. Maria Reiche kannte dessen 1929 erschienenen Artikel »Die Intiwatana (Sonnenwarten) im alten Peru« und begann, eigenständig Sonnenstandsmessungen vorzunehmen. Dann endete der Arbeitsvertrag: 1934 sollte Maria Reiche mit dem nächsten Schiff nach Deutschland zurückreisen. Auf dem Schiff machte sie jedoch die Bekanntschaft einer jungen Peruanerin, deren Vater ihr spontan eine Einladung nach Lima, dem nächsten Zwischenstopp, aussprach.

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Sonnenstein des Intihuatana von Machu Picchu (Fotografie: Martín Chambi, 1929)