Zwischen den Welten

MM Margaret Murray 1933

 

„My first one hundred years“ lautete der vielsagende Titel der Autobiographie, die Margaret Alice Murray 1963 kurz nach ihrem 100. Geburtstag veröffentlichte. Offenbar betrachtete die Ägyptologin, die noch im gleichen Jahr verstarb, ihren bevorstehenden Tod nicht als Ende, sondern eher als den Auftakt einer langen Reise in eine andere Welt.

 

Zwischen den Welten zu wandeln gelang der in Indien geborenen und in Europa aufgewachsenen Engländerin bereits zu Lebzeiten mit Leichtigkeit. Als Linguistin am Lehrstuhl für Ägyptologie der Universität London hatte sie prägenden Einfluss an der Entstehung der jungen Disziplin. Doch international bekannt wurde sie nicht mit Fachpublikationen, sondern mit ihrer bis heute stark umstrittenen Forschung zum Hexenwesen, was ihr in den 1940er und 1950er Jahren mehrere Bestseller bescherte. Trotz heftiger Kritik hielt die nur 1,25 m große Frau hartnäckig an ihren Thesen fest – ebenso unbeirrt, wie sie an der Seite der berühmt-berüchtigten Suffragette Emmeline Pankhurst ihr Leben lang für Frauenrechte kämpfte.

 

Kindheit in Indien

 

Ihr Engagement für Gleichberechtigung wurde Margaret Alice von ihrer Mutter in die Wiege gelegt, deren eigener Wunsch, Ärztin zu werden, an den Konventionen des 19. Jahrhunderts scheiterte. Da der Zeitgeist Frauen ein akademisches Studium verwehrte, ging Margaret Carr als Missionarin nach Indien und heiratete dort den für die East India Company tätigen Geschäftsmann James G. Murray. In Kalkutta, wo sie auch ihre Töchter Mary und Margaret Alice zur Welt brachte, machte sie sich einen Namen als Mitgründerin der Organisation Friends in need. Diese stellte sich zur Aufgabe, indische Frauen in Lohn und Brot zu bringen – ein unerhörtes Unterfangen in einem Land, in dem noch heute, rund 150 Jahre später, das Taxifahren als eine für Frauen unangemessene Beschäftigung gilt. Ihren eigenen Töchtern ließ Margaret Carr eine vorzügliche Ausbildung angedeihen. Sie erhielten Privatunterricht in den Disziplinen Arithmetik, Geographie, Geschichte, Zeichnen, Musik, Deutsch und Französisch.


Der Grenzgang zwischen den Kulturen war Margaret Alice seit Kindertagen vertraut: Als Siebenjährige verbrachte sie gemeinsam mit ihrer Schwester einige Jahre bei ihren Großeltern in England, wo sie sich, inspiriert von ihrem Onkel John, für die Altertümer in der Umgebung begeisterte. Der belesene Mann führte sie nicht nur in die altenglische Kirchenkunst ein, sondern erforschte zusammen mit den Mädchen auch vorgeschichtliche Erdwerke und Megalithbauten. Nachdem sie anschließend mehrere Jahre in der beschaulichen Universitätsstadt Bonn verbracht hatten, wo die Mädchen fließend Deutsch lernten, ließ sich die ganze Familie 1877 in London nieder. Dort besuchten die Töchter zum ersten Mal eine öffentliche Schule. Von dem Bruder des berühmten Ägyptologen Auguste Mariette erhielt Margaret Alice Französischunterricht – ein Zufall, der nicht ohne Folgen bleiben sollte.

 

Nur drei Jahre später kehrte die Familie nach Kalkutta zurück, wo Margaret Alice als erste Frau in Indien als Krankenschwester in einem Hospital arbeitete. Doch sie schlug nicht wie geplant die medizinische Laufbahn ein. Denn als die Schwestern aus der Zeitung erfuhren, dass Frauen neuerdings an dem Lehrstuhl für Ägyptologie am University College of London studieren durften, wandte sich die bereits verheiratete Mary an ihre ledige Schwester mit den Worten: „Ich kann nicht gehen, aber du musst.“

 

Ägyptologie in London

 

Über 500 Jahre lang war der Universitätsbesuch ein Privileg der Männer gewesen. Unter dem Eindruck einer erstarkenden Gleichberechtigungsbewegung öffneten jedoch Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Universitäten ihre Hörsäle auch für Frauen. Meist nur als Gasthörerinnen zugelassen, gelang es allerdings nur wenigen, sich ordentlich zu immatrikulieren und dadurch einen Abschluss zu erlangen. Als sie sich im Alter von 31 Jahren an der Universität London für Ägyptologie einschrieb, gehörte Margaret Alice Murray zu diesem kleinen Kreis.



MM Auguste Mariette
Auguste Mariette (1821–1881) auf einer Mastaba sitzend, Ausgrabungen in Sakkara (Voyage dans la Haute Egypte, 1878)