Revue Horticole gourde

Während seiner Reise nach Ägypten und Nubien im Jahr 1665 begegnete dem spanischen Pater Antonius Gonzales auf dem Nil ein wundersames Wasserfahrzeug: “Es war komisch anzusehen, wie ein Mann den Nil heruntergefahren kam, ganz allein, zwei kleine Ruder in den Händen. Er saß auf zwei oder drei zusammengebundenen Brettern, die sich nur knapp über dem Wasser hielten, weil unter ihnen hohle Kürbisse befestigt waren. Hätte man einen Stein geworfen, wäre dieses Boot sofort in Stücke zerborsten.“ Die zerbrechlichen bauchigen Schwimmkörper sah der Mönch unterwegs zu Tausenden auf den Feldern zum Trocknen aufgetürmt: Kalebassen – die legendären Früchte des Flaschenkürbis (Lagenaria siceraria (Mol.) Standley), einer der ältesten Nutzpflanzen der Welt.

 

Norden 1757 Taf32 II

Von Tontöpfen getragenes Floß, Ägypten, 18. Jahrhundert, Illustration aus: F. L. Norden, Travels in Egypt and Nubia, London: Davies, 1757, Taf. 32II


Kalebassen waren Pater Antonius bis dahin nur als Pilgerflaschen der Wallfahrer des Heiligen Jakobus ein Begriff. Daneben kannte er aber sicher auch Garten- und Riesenkürbisse, die man bereits seit eineinhalb Jahrhunderten zum Küchengebrauch anbaute. Seit Amerika mit den Fahrten des Christoph Kolumbus ab 1497 in das Bewusstsein der Europäer eingetreten war, trafen immer mehr Spielarten der bunten und fremdartigen Kürbisfrüchte in den europäischen Häfen ein. Denn bereits lange zuvor kultivierten die amerikanischen Ureinwohner die noch heute beliebten riesigen, runden oder auch kleineren, haken-, diskus- und turbanförmigen Kürbisse in ihren Gärten. Die Amerikafahrer begegneten beiden Kürbisformen, dem häufig nussig schmeckenden Gartenkürbis (Cucurbita pepo) mit leuchtend gelben Blüten und dem weiß blühenden Flaschenkürbis (Lagenaria siceraria) mit fahlgrünen, anfänglich oft behaarten Früchten, dessen getrocknete Gehäuse die Indianer gern zum Wasserschöpfen benutzten. In der Folge glaubte man in Europa bis ins 19. Jahrhundert, dass Flaschenkürbisse ursprünglich auf feuchten Plätzen in Amerika heimisch waren.

Raffael Villa Farnesina Detail Krbis
Unter den über 170 verschiedenen Gartenpflanzen in den rahmenden Girlanden der opulent ausgestalteten Villa Farnesina in Rom finden sich auch Flaschenkürbisse: hier eine längliche Cucuzza-Variante am oberen und eine Flaschenform am linken Bildrand. Deckengemälde, Merkur und Psyche, Raffaello Sanzio, 1515-1518 (http://www.wga.hu/art/r/raphael/5roma/4a/18farnes.jpg)


Doch 1563 bezeichnete Pietro Mattioli die Gartenkürbisse in seinem Kreutterbuch eindeutig als „frembde oder Indianische“ Kürbisse im Unterschied zu den „Einheimische[n] darauß man Flaschen macht“. Bald jedoch verdrängten der amerikanische Gartenkürbis (C. pepo), und in seinem Gefolge der Riesenkürbis (C. maxima) sowie der Moschuskürbis (C. moschata), deren Vorteile in der besseren Winterlagerfähigkeit und in neuartigen, von den Indianern abgeschauten Zubereitungsarten bestanden, in Europa fast vollständig den altertümlichen Flaschenkürbis. Die Kalebasse geriet zunehmend in Vergessenheit, mehr aber noch die kulinarische Verwendung ihres Fruchtfleisches. Nur in italienischen Supermärkten trifft man sie zur Erntezeit im Frühherbst noch gelegentlich als cucuzza an.

secoton pumpkin field Bry 1590
Die Indianersiedlung Secotan auf Roanoke Island (North Carolina) um 1590: Umgeben von Maisfeldern (H) und Tabakgärten (E) liegt am rechten Rand des Festplatzes (D) ein buntes Kürbisfeld (I), Illustration aus: Theodore de Bry, A Briefe and True Report of the New Found Land of Virginia, London (http://www.learnnc.org/lp/multimedia/6276)